90 Jahre Justizpalastbrand: „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Republik in Flammen“ im Wiener Landesgericht präsentiert

Am 29. Juni um 21.05 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Mit dem Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927 beginnt die Erosion der Demokratie und des parlamentarischen Systems in Österreich. Neun Jahre nach der Ausrufung der Republik erlebt das Land den ersten großen Ausbruch staatlicher Gewalt. Sie ist die Antwort der Regierung Seipel auf sozialdemokratische Demonstrationen nach dem Freispruch von drei Angehörigen des Frontkämpferverbandes, die beschuldigt wurden, am 30. Jänner 1927 im burgenländischen Grenzort Schattendorf bei Zusammenstößen mit dem sozialdemokratischen Schutzbund zwei Menschen erschossen zu haben. Die sozialdemokratische Führung bekommt die Demonstranten nicht mehr in den Griff, sie stürmen den Justizpalast, der bald danach brennt. Die Polizei erhält Schießbefehl. Die Bilanz: 84 tote Demonstranten und fünf tote Polizisten.

Aus Anlass des bevorstehenden 90. Jahrestages analysiert die ORF-Zeitgeschichte-Reihe „Menschen und Mächte“ am Donnerstag, dem 29. Juni 2017, um 21.05 Uhr in ORF 2 Ursachen, Hintergründe und politische Konsequenzen des Justizpalastbrandes. Für die Dokumentation „Republik in Flammen“ hat Fritz Kalteis Teile des Schattendorf-Prozesses mit Top-Juristen am Originalschauplatz im großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichtes nachgestellt, wo der Film gestern, Montag, 26. Juni, in Anwesenheit von Landesgerichtspräsident Friedrich Forsthuber und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz präsentiert wurde.

An der von Claudia Reiterer moderierten Veranstaltung nahmen neben „Menschen und Mächte“-Redaktionsleiter Andreas Novak und Metafilm-Regisseur Fritz Kalteis die Zeithistoriker Gerhard Jagschitz, Gerhard Botz und Manfried Rauchensteiner, Justizminister a.D. Nikolaus Michalek, Josef Ostermayer – der ehemalige Kultur- und Kanzleramtsminister ist Nachfahre einer von den Ereignissen in Schattendorf betroffenen Familie –, der burgenländische Landesrat Helmut Bieler, der Schattendorfer Bürgermeister Johann Lotter, Herwig Hösele, Generalsekretär des Zukunftsfonds der Republik Österreich und ORF-Stiftungsrat, sowie ORF-„Bürgeranwalt“ Peter Resetarits teil. Ebenfalls unter den Gästen: Die – wie Friedrich Forsthuber – in der Dokumentation in Sequenzen im Landesgericht agierenden Juristen Norbert Gerstberger und Andreas Hautz, beide Richter am Landesgericht für Strafsachen Wien, Staatsanwalt Leo Bien, Strafverteidiger Rudolf Mayer und Schussgutachter Ingo Wieser.

Landesgerichtspräsident Mag. Friedrich Forsthuber: „Finde es großartig, dass der ORF sich so wichtigen und von vielen unterschiedlich gesehenen Ereignissen der Geschichte annimmt“

„Mir geht es um eine möglichst differenzierte Darstellung der Handlungsabläufe in Schattendorf vom 30. Jänner 1927, des Prozesses im Landesgericht im Juli 1927 sowie des Justizpalastbrandes und der Schüsse vom 15. Juli 1927. Ich finde es großartig, dass der ORF sich so wichtigen und von vielen unterschiedlich gesehenen Ereignissen der Geschichte annimmt. Die Qualität der Dokumentation liegt darin, beide Seiten zu hören“, unterstrich Friedrich Forsthuber. „Am 30. Jänner und 15. Juli kam es jeweils zur Tragödie, da kaum jemand zur Besonnenheit gemahnt hat. Das Geschworenenverfahren selbst lief fair ab und beinhaltete ein ausführliches Beweisverfahren. Das Gutachten des Schießsachverständigen war ein wesentlicher Beweis. Das rechtsstaatliche Problem des Verfahrens vor Geschworenen, das bis heute fortwirkt, war jedoch, dass Laienrichter alleine nicht imstande sind, umfassende Überlegungen im Sinne einer Urteilsbegründung abzugeben. Daher wurde von Medien und Öffentlichkeit – mangels Urteilsbegründung – in die Freisprüche alles Mögliche hineininterpretiert, bis hin zum unfairen Vorwurf einer ,Klassenjustiz‘. So hat auch das System der Geschworenengerichtsbarkeit zur Emotionalisierung und zu den Fehlinterpretationen beigetragen, die sich in spontanen Demonstrationen und letztlich im Justizpalastbrand entladen haben.“

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz: „Dokumentation beleuchtet ein ganz entscheidendes Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte, das wir in dieser Form noch nicht aufgearbeitet haben“

„Die heute in diesem geschichtsträchtigen Rahmen präsentierte Dokumentation ‚Republik in Flammen‘ über Ursachen und Folgen des Justizpalastbrandes beleuchtet ein ganz entscheidendes Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte, das wir in dieser Form noch nicht aufgearbeitet haben“, betonte ORF-Generaldirektor Wrabetz. „Die Produktion ist ein weiterer wichtiger Mosaikstein in unserem elektronischen Gedächtnis und gleichzeitig als Einleitung zum großen ORF-Ereignisschwerpunkt gedacht, der 2018 anlässlich des 100-jährigen Republiksjubiläums den Bogen von 1918 über 1938 bis in die Jetztzeit spannen wird.“

Andreas Novak, Redaktionsleiter „Menschen & Mächte“: „Differenzierte Reflexion über Schuld, die Kontinuität von Gräben und ‚die Verschwörung der Stille‘“

„Wir wollen ein Stück fast vergessene Zeitgeschichte wieder ins Blickfeld rücken. Der Brand des Justizpalastes am 15. Juli 1927 war der erste große Baustein für das Grabmal der Ersten Republik, der Anfang ihres Endes. Die Dokumentation spürt wenig beachteten Zwischentönen nach. Als Kontrapunkte zum lange tradierten Schwarz-Weiß-Bild über Ursachen und Wirkungen rund um den Tod von zwei Menschen im burgenländischen Schattendorf Anfang 1927. Das ist ein über weite Strecken sehr leiser, ein sehr nachdenklich machender Film, der Fritz Kalteis hier gelungen ist. Eine differenzierte Reflexion über Schuld, die Kontinuität von Gräben und ‚die Verschwörung der Stille‘.“

Regisseur Fritz Kalteis: „Ähnlichkeiten unserer Gegenwart mit der Zwischenkriegszeit unübersehbar“

Die Dokumentation orientiert sich am historischen Prozessakt – 1.025 Seiten komprimierte Geschichte. Er gibt Einblick in eine enorm aufgeheizte Zeit: „Einerseits können wir uns heute kaum vorstellen, wie locker damals Fäuste und Taschenfeitel gesessen sind und wie gewaltsam die politische Auseinandersetzung war. Andererseits sind die Ähnlichkeiten unserer Gegenwart mit der Zwischenkriegszeit unübersehbar: Auch heute werden radikale Stimmen immer lauter, die meinen, dass es eine Zukunft nur gibt, wenn der weltanschauliche Gegner restlos besiegt ist“, so Fritz Kalteis.

Menschen & Mächte: „Republik in Flammen“ – Donnerstag, 29. Juni, 21.05 Uhr, ORF 2

„Vom Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 führt eine direkte Linie zum Bürgerkrieg im Februar 1934 und weiter zum März 1938. Dieser Tag markiert einen Wendepunkt am Weg von der Demokratie zu einem autoritären Regime“, analysiert Historiker Gerhard Jagschitz zu einem der wichtigsten Ereignisse der österreichischen Republiksgeschichte. Unmittelbarer Anlass für die Ausschreitungen in Wien war ein Gerichtsurteil gegen drei Mitglieder des rechten Frontkämpferverbandes. Durch Gewehrschüsse dieser Männer waren bei einem Aufmarsch des republikanischen Schutzbundes im burgenländischen Schattendorf zwei Menschen gestorben – ein sozialistischer Kriegsinvalide und ein achtjähriges Kind. Im sogenannten Schattendorf-Prozess wurden die Angeklagten von den Geschworenen überraschend freigesprochen. Die Proteste gegen das vermeintliche „Schandurteil“ gipfelten im Brand des Justizpalastes und dem anschließenden Polizeimassaker.

Von wem sind die Aggressionen ausgegangen, die zu den Todesschüssen von Schattendorf führten? Diese Frage steht auch im Mittelpunkt des Prozesses, der im Juli 1927 beginnt und mit Freisprüchen für die angeklagten Täter endet. Ist der Prozess fair abgelaufen oder wurden Fakten manipuliert? Wie kam es zu den Freisprüchen? Diesen Fragen wird erstmals in einer TV-Dokumentation nachgegangen. Auch im Umgang mit der Vergangenheit steht Schattendorf symbolhaft für die gesamte Republik. Nach NS-Zeit und Zweitem Weltkrieg wurde der „Mantel des Schweigens“ über die Vergangenheit gebreitet. Die beiden großen politischen Lager, ÖVP und SPÖ, benannten den jeweils anderen als Auslöser der Eskalation. Eine von politischen Emotionen freie Auseinandersetzung mit den Ursachen und Auswirkungen des Justizpalastbrandes blieb dabei auf der Strecke. Ist die Betrachtung der Geschichte noch heute eine Frage der Lagerzugehörigkeit? Sind die Gräben, die zu den Schüssen von Schattendorf und zum Brand des Justizpalastes geführt haben, tatsächlich überwunden? Oder tun sich heute neue auf? Auch diesen Fragen geht die Dokumentation nach.

„Republik in Flammen“ ist eine Auftragsproduktion der Metafilm für den ORF in Kooperation mit dem BMB, gefördert vom Zukunftsfonds der Republik Österreich und Burgenland Kultur. Nähere Infos zur „Menschen & Mächte“-Dokumentation sind unter http://presse.ORF.at abrufbar.

Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream auf der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.

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