„Mutter des Irak – Gertrude Bell“ im „Universum History“-Porträt

Am 11. September um 22.35 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) Sie war Archäologin, Historikerin, Abenteurerin und eine der Schlüsselfiguren des Orients nach dem Ersten Weltkrieg: die Britin Gertrude Bell. Die ungewöhnliche Frau bereiste schon in jungen Jahren den Nahen Osten, freundete sich mit Stammesführern und Königsfamilien an und wurde von ihnen geachtet und respektiert. Bell wurde zur Agentin und Beraterin und somit zu einer der mächtigsten Frauen des britischen Empires. Und sie war an der Neuordnung des Nahen Ostens und der Gründung des heutigen Irak maßgeblich beteiligt. Trotzdem geriet sie – im Gegensatz zu ihrem Freund Lawrence von Arabien – in Vergessenheit. Die „Universum History“-Dokumentation „Mutter des Irak – Gertrude Bell“ von Sabine Krayenbühl und Zeva Oelbaum (deutsche Bearbeitung: Josef Peter Glanz) erinnert am Freitag, dem 11. September 2020, um 22.35 Uhr in ORF 2 an die weitgereiste Wissenschafterin. Eine Frau, die von der Geschichtsschreibung bis heute nicht entsprechend gewürdigt wird.

Schon mit 21 Jahren schließt die 1868 geborene Gertrude Bell ihr Studium an der Universität von Oxford mit Auszeichnung ab, ein akademischer Titel bleibt ihr als Frau damals verwehrt. Gelangweilt von der Gesellschaft Londons unternimmt sie erste Reisen nach Persien und Syrien. Immer tiefer taucht sie in die Welt des Orients ein. England steht im Ersten Weltkrieg im Kampf gegen das Osmanische Reich unter Druck. Die Briten wollen die arabischen Stämme als Verbündete gewinnen und sie zu einer Revolte gegen die Türken anstiften. Dazu benötigt das Empire Informationen: Welche Stämme sind den Engländern wohlgesinnt? Wer ist potenziell gefährlich? Nur wenige haben die Antwort – Bell gehört dazu.

Bell wird die erste weibliche Geheimdienstoffizierin des britischen Militärs und entwirft als Orientbeauftragte das politische Gerüst des künftigen Staates Irak. Mit ihrem Fachwissen und ihrem Scharfsinn sorgt sie in London für Aufsehen und verunsichert und verärgert Militärs und männliche Befehlshaber. Sie hat sich zu einer glühenden Verfechterin arabischer Selbstbestimmung entwickelt. Ihr schwebt ein moderner Irak vor, der als Vorbild für ganz Arabien dienen soll – freilich unter der Anleitung Londons. Im Herbst 1920 kommt es zu einem Aufstand der Iraker, die britische Mandatsmacht entschließt sich, das Land in die längst versprochene Selbstverwaltung zu überführen. Bell sieht ihren Traum verwirklicht. Auf ihre Empfehlung hin wird Faisal I. zum König des Irak gekrönt. Sie glaubt, dass er die Sunniten, Schiiten, Kurden, Christen und Juden am ehesten einen kann.

Auf ihren Einfluss hin werden die Grenzen im Nahen Osten so gezogen, wie sie heute noch gültig sind. Sie spielt auch als einzige Frau eine diplomatische Rolle bei der Pariser Friedenskonferenz 1919 und wird von Winston Churchill zur Kairoer Konferenz 1921 geladen. Noch heute genießt Gertrude Bell im Irak hohes Ansehen, nicht zuletzt weil sie als Begründerin des irakischen Nationalmuseums ihrem geliebten Land ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen hat. Dennoch war die damalige Grenzziehung der Kolonialmächte auch der Samen für viele blutige Konflikte, die bis in die Gegenwart wirken. In der Dokumentation wird Gertrude Bells aufregende Biografie in poetisch montierten Bildern mit Briefen, Tagebucheinträgen und neu entdecktem Archivmaterial nachgezeichnet. Im Originalfilm wird Bell von Schauspielerin Tilda Swinton gesprochen, die auch ausführende Produzentin war. In der österreichischen Fassung leiht ihr Eszter Hollósi die Stimme.

Vier Jahre lang bereisten die Regisseurinnen Sabine Krayenbühl und Zeva Oelbaum den Mittleren Osten, Afghanistan, Ägypten, die Türkei, den Iran. Sie durchforsteten mehr als 1.600 persönliche Briefe und sichteten mehr als 7.000 Fotografien. In Archiven rund um die Welt fanden sie mehr als 1.000 unveröffentlichte Filmrollen. „Wir hoffen, mit diesem Film dieser außergewöhnlichen Frau wieder die historische Bedeutung zu geben, die sie verdient. Und zu zeigen, wie diese weitgereiste, mutige Frau sich voller Respekt und Achtung für die Menschen des Nahen Ostens eingesetzt hat und so zu einem Beispiel für Toleranz und Weltoffenheit wurde. Ganz abgesehen von dem enormen Einfluss, mit dem sie die Politik des British Empire mitgeprägt hat“, betonten die Filmemacherinnen.

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