Neujahrsansprache 2020 von Bundespräsident Alexander Van der Bellen: „Welche Zukunft wollen wir sehen?“

Wortlaut der Ansprache

Wien (OTS) Liebe Österreicherinnen und Österreicher
und alle Menschen, die hier leben.

Nun ist er also da: Der erste Tag des Neuen Jahres. Zweitausend und einundzwanzig. Dieser erste Tag hat stets einen eigenen Charakter. Das alte Jahr ist vorüber und das neue hat noch nicht richtig begonnen. Eine gewisse Ruhe ist für gewöhnlich fühlbar an diesem ersten Tag des Jahres. Und heuer, inmitten eines weiteren Lockdowns, ist diese Stille noch ein wenig tiefer.

Ein neues Jahr liegt vor uns. Wir spüren noch die Last des alten, die Last der Pandemie. Aber viele von uns spüren trotz allem eine hoffnungsfrohe Erwartung, wie sie nur am Beginn von etwas Neuem stehen kann, wenn alle Möglichkeiten offen und alle Träume noch frisch sind.

Dieses Jahr wird besser. Schon beginnen die Impfungen. Für die Zukunft scheint wieder alles möglich. Aber diese kurze Zeit der Stille, bevor das Jahr so richtig losgeht: Nutzen wir sie zum Reflektieren, zum Nachdenken. Das ist wichtig. Denn wenn wir die Pandemie überwunden haben, und wir werden sie überwinden, wollen wir dann wirklich exakt in jene Welt zurückkehren, die wir davor hatten?

Jetzt ist die Zeit, in der wir träumen sollten, wie wir unsere Welt verbessern können. Jetzt ist die Zeit, in der wir weiter blicken müssen. Für uns, für unsere Kinder, unsere Enkelkinder. Ohne Scheu, auch völlig neu zu denken. Ohne Angst, zu groß zu denken. Wir sind zu unerhörten Leistungen fähig, wenn es darauf ankommt. Das hat doch das letzte Jahr bewiesen. Wenn die Forscherinnen und Forscher, wenn wir Menschen es hinbekommen, innerhalb von kürzester Zeit eine Impfung gegen das Corona-Virus zu entwickeln, was können wir noch alles erreichen?

Manche Gewohnheiten, die wir kaum mehr hinterfragt haben, waren durchaus problematisch. Wir müssen uns entscheiden, ob wir wirklich zu ihnen zurückkehren wollen. Oder ob wir den Einschnitt von 2020 als Nachdenkpause nützen und unsere Welt neu und besser bauen als die alte. Ich möchte Sie dazu ermuntern.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir uns angewöhnen, eine florierende Wirtschaft und eine blühende Natur nicht als Gegensätze zu sehen, sondern als Ziele, die sich gegenseitig bedingen? Es gibt so viele neue, klimaorientierte und nachhaltige Technologien, die zum Motor eines neuen Aufschwunges werden können. Sehen wir die Herausforderungen als Chance, etwas Neues, viel Besseres, Angemesseneres für Mensch und Natur zu schaffen: Das wünsche ich mir für Österreich. Das wünsche ich mir für Europa.

Das gilt auch für unser Zusammenleben. Wie wäre es, wenn wir den Trend zur Unversöhnlichkeit und Aggression brechen, den Trend sich in die eigene virtuelle Blase zurückzuziehen und andere Meinungen erbittert zu bekämpfen. Wie wäre es, wenn es damit jetzt vorbei wäre? Und wir unseren Frieden schließen mit der Erkenntnis, dass wir nur durch Gegensätze wachsen und lernen können? Und dass unsere Gesellschaft durch gegenseitigen Respekt nur stärker wird?

Dass ein Posting niemals ein persönliches Gespräch, dass ein „Like“ niemals ein echtes Lächeln ersetzen kann? Dass wir uns nicht auf die Schwächen, sondern unsere gemeinsamen Stärken konzentrieren? Wie wäre es, wenn wir unser wunderschönes Österreich und die liberale Demokratie wieder mehr schätzen würden? Und die Europäische Union, diese weltweit einzigartige Errungenschaft? Wenn wir gemeinsam mit unseren Europäischen Freunden ernsthaft beginnen würden, auch eine global positiv gestaltende Kraft zu werden? Das geht, glauben Sie mir.

Und wie wäre es, wenn wir den schreienden Gegensatz zwischen wohlbehütet und auf der Flucht oder zwischen Arm und Reich abmildern würden? Und auch das geht, glauben Sie mir.

Meine Damen und Herren,
irgendwann in den nächsten Monaten wird sich langsam das Gefühl einstellen, dass die Pandemie vorbei ist oder zumindest unter Kontrolle. Lassen Sie uns dann das Jahr 2020 nicht so schnell wie möglich vergessen und zur Tagesordnung übergehen. Erinnern wir uns dann an diese Zeit zwischen den Jahren. Und an das Gefühl, wie offen und gestaltbar unsere Zukunft ist, wenn wir das wollen. Und zwar nicht nur am Neujahrstag, sondern an jedem neuen Tag. Lassen Sie uns diese Pause nützen und gemeinsam träumen: Welche Zukunft wollen wir sehen? Dann haben wir den ersten Schritt in eine bessere Welt schon getan. Und lassen Sie uns dann den Mut fassen und unsere Träume gemeinsam verwirklichen.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher
und alle Menschen, die hier leben!
Ich wünsche Ihnen und allen, die Sie lieben, ein wunderbares Jahr 2021. Ich wünsche Ihnen Glück und – natürlich – Gesundheit. Und den Mut zum Träumen.

Möge es für uns alle ein gutes Jahr werden.

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