TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 13. März 2018 von Gabriele Starck – Ein Papst für etwas Wesentliches

Innsbruck (OTS) - Revolutionen hat Franziskus in seinen ersten fünf Jahren nicht angezettelt, gewiss. Dafür verkörpern sein Tun und seine Botschaft der Barmherzigkeit genau das, was unserer Gesellschaft derzeit verloren gegangen scheint.

Die Erwartung liberaler Katholiken war groß. Doch heute, auf den Tag fünf Jahre nach der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst ist deren Hoffnung auf innerkirchliche Revolutionen der Ernüchterung gewichen.
Zwar hat der inzwischen 81-jährige Argentinier ermutigende Worte gesprochen – gerichtet etwa an Wiederverheiratete und Homosexuelle. Er hat Abstand von Prinzipienreiterei zugunsten einer individuellen Bewertung signalisiert. Auch hat er eine Diskussion über den Zölibat angeregt. An den Grundfesten kirchlicher Vorgaben hat Franziskus jedoch nicht im mindesten gerüttelt. Für viele gläubige Laien ist das zu wenig, für etliche Gralshüter im Vatikan und Bischöfe außerhalb schon viel zu viel.
Franziskus hat in den ersten fünf Jahren seines Pontifikats einen Mittelweg beschritten, der seine Kritiker halbwegs im Zaum hielt und mit dem er die Sympathien der Basis nicht verspielte. Das hat ihm Raum gelassen, seine persönliche Botschaft zu senden, und die lautet Barmherzigkeit. Die Wahl des Namens Franziskus, sein Verzicht auf äußerlichen Prunk, auf Komfort – all das sind Symbole dieser Botschaft. Und er lebt sie mit seinem Tun vor. Er lädt Flüchtlinge, Obdachlose und Häftlinge ein – zu einem Zirkusbesuch, zum Essen oder auch zum Duschen. Damit unterstreicht Franziskus die unantastbare Würde eines jeden Menschen, gerade wenn er arm, gescheitert, sündig, andersgläubig, krank oder alt ist. Eine Würde, die von Existenziellem abhängt – von Essen, sauberem Wasser, von einer intakten Umwelt, Frieden und vom Miteinander. Dies unterstreicht der Papst mit einer einfachen, sehr klaren Sprache – nicht populistisch, wie ihm manche vorwerfen, sondern verständlich.
Nur: Die Botschaft will nicht jeder verstehen. Vielmehr irritiert Franziskus mit seiner Hinwendung zu den Armen, mit seinem Einsatz für Flüchtlinge, seinem Verständnis für Gescheiterte. Berührt er doch den wunden Punkt einer christlichen Gesellschaft, in der Abgrenzung und Ausgrenzung von Armen, Fremden und Andersdenkenden populär sind. In einer Gesellschaft, in der man sich damit zufriedengibt, dass es anderen schlechter geht als einem selbst, anstatt dafür zu sorgen, dass es allen besser geht. In einer Gesellschaft, in der die Ressourcen und die Vielfalt des Planeten dem Streben nach Wachstum und Reichtum untergeordnet sind.
So gesehen ist Franziskus genau der Papst, den die Welt – und keineswegs nur die katholische – jetzt braucht.

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